Klettern im Verdon:

Arête du Belvédère

Blick in die Verdonschlucht

Matze war seit einem halben Jahr in Frankreich und er schrieb immer eindringlicher, wir sollten doch mal kommen, es wäre so toll. Da mich die Prüfungsvorbereitungen gerade dem Wahnsinn entgegen trieben und wir Fels eigentlich nur noch aus Erzählungen kannten, organisierte Ute die Fahrt. Irgendein Busunternehmen, das blasse Germanen auf irgendeinen spanischen Grill lieferte, wollte uns mitnehmen. Der Abfahrtstermin war also klar, noch schnell den Prüfungstermin davor und dann ab. So war es jedenfalls gedacht, aber erstens schreibt die FSU vor, daß zu Prüfungen auch die Prüfer anwesend sein müssen und zweitens sagt die Physik, daß die Wahrscheinlichkeit, daß ein Mensch gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein kann, sehr klein ist. Also fährt Ute allein Bus – damit sie mehr davon hat, auf der Notbank, die Ellenbogen der Nachbarn immer im der Seite. Ich fahre etwas später mit dem Zug nach – man gönnt sich ja sonst nichts.

Die Prüfung lief schlecht, dafür schaffte ich es, innerhalb von einer Stunde meinen Rucksack zu packen, dabei nichts wesentliches zu vergessen und zum Bahnhof zu eilen.

Wegen irgendwelchen Bombendrohungen herrschte bei der Bahn noch eine leicht gesteigerte Form des normalen Chaos, aber letztlich paßten doch noch alle Verbindungen und ich durfte drei Stunden auf einem französischen Bahnhof auf unbequemen Sitzen die Nacht verbringen. Leider befand sich der Kaffeeautomat hinter einem Gitter und so vergnügte ich mich mit dem Auskunftscompjudder, der mir die Sehenswürdigkeiten vor den verschlossenen Bahnhofstüren aufzählte. Soweit ich sehen konnte, war das einzige, was ich wirklich verpaßte, der Kaffeeautomat.

Aber irgendwann fuhr der Zug nach Grenoble und nachdem ich in der Bahnhofskneipe mehrere Kaffees in mich geschüttet hatte, kamen auch Matze und Ute. Wenig später waren wir an einer größeren Ansammlung von Kalk und konnten quasi als Entschädigung für den Streß der durchgefahrenen Nacht an sonnenbeschienem Kalk Exen klinken und klinken und klinken. Eigentlich hätten ja zwei gereicht – die untere wieder aushängen und oben wieder verwenden – aber wir waren ja nicht geizig.

Nachem wir noch einige Tage in Vercours und in Orpierre rumgealbert hatten und ich meine Theorie, daß Prüfungen schlecht für die Entwicklung der Kletterleistung sind, ausgiebig bestätigt hatte, beluden wir den Peugot und fuhren südwärts. Unterwegs mußten wir einen Jeep wieder auf die Räder setzen. Ansonsten verlief die Fahrt recht ruhig. In Sisteron bogen wir ins Tal ein und stellten einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf – jede Parkbucht auf der Panoramstraße war unser. Trotzdem erreichten wir irgendwann den Zeltplatz in La Palud und richteten uns ein. Der nächst Tag ging für eine Rundfahrt entlang des Canyons drauf, dabei lernten wir auch noch die Qualität des Nachmittagsgewitters kennen. So kamen wir auf die kluge Idee, am nächsten Tag zeitig aufzustehen. Obwohl sich niemand mehr an die Abstimmung erinnern konnte, wurde am nächsten Morgen dieser Beschluß einstimmig wieder abgelehnt. Da wir eh schon spät waren, frühstückten wir noch gemütlich und brachen dann auf.

An der Hütte des französischen Alpenvereins trennten wir uns, Ute nahm den Wanderweg hinunter und wieder hinauf, wir liefen erstmal wieder die Straße zurück. Etwa 200m unterhalb der Hütte gibt es eine Parkbucht auf der talabgewandten Straßenseite, von hier noch etwa 50 bis 100m laufen und dann? Der Weg nach oben führt erstmal nach unten, jedenfalls im Verdon. Einer Reihe von Steinmännern folgend klettern wir tiefer. An einer Stelle gab es einen Abstecher zu einer Abseilstelle, doch Eisenklammern führten uns auf den rechten Pfad zurück. Nach etwa einer Stunde erreichten wir den Talboden und suchten nach unserem Einstieg. Angesichts der hohen Wand über uns, wurde mir deutlich bewußt, daß ich doch etwas vergessen hatte – meinen Helm, auch wenn ich ihn nicht brauchte, möchte ich ihn jedem empfehlen.

Die ersten Meter in der 4c-SL versprachen einen schönen Weg. Die Sicherungen waren ausreichend, wenn auch glücklicherweise nicht so eng, wie in Grenoble und Orpierre. In der Mitte der 2.SL wird es ohne jede Vorwarnung interessant. Ein BH neben der Stelle und eine kraftsparende Position vorher, ermöglichen ruhiges überlegen und so läßt sich die Stelle letztlich ohne Krampf lösen, zumal die Schwierigkeit gering ist (5c). Die nächsten SLn sind wunderbare leicht Kalkkletterei an leicht geneigten Wänden, so daß man immer mal wieder den Blick hinab zum Verdon geniessen kann. Etwas später bietet eine kleine senkrechte Wand schöne kleingriffige Kletterei. Wer auf diesen Genuß verzichten will, kann dies mit einer 4c -Verschneidung tun. Danach wird das Gelände eher langweilig. Die letzte 5c haben wir nicht finden können.

Am Ausstieg gibt es dann gaffende Touristen – ein weiteres Argument für den Helm. Ein weiteres gutes Argument taucht in der Hütte auf – Ute hat hier über fast zwei Stunden auf uns warten müssen und war etwas unfreundlich. Wir hatten dummerweiser gedacht, wir schaffen es in etwa mit der Zeit aus dem Führer, dafür hätten wir aber wohl alle SLn unter 5 ohne Seil gehen müssen. Auf jeden Fall haben wir es noch rechtzeitig vor dem Nachmittagsgewitter geschafft, wenn auch knapp.

Auf der Rückfahrt lasen wir noch einen Sachsen auf, er hatte mit Familie eine Wanderung im Verdon gemacht und versuchte nun, zu seinem Auto zurückzukommen.

Die Route

Name
Arête du Belvédère
Lage
Sektor: Malines (amont); nahe Chalet TCF
Erstbegeher
B. Bouscasse, F. Guillot
Schwierigkeit (gesamt)
5b+, D+
SL einzeln
4c/5a, 5c (Schlüssel im Riß), 3c, 5b, 4a, 4c/5a, 5c oder 4c, 5c (???), 4c, 5a(?)
Länge
200 m
Zeit (Führer)
2 h
wir
knapp 4 h
Absicherung
zementierte Standhaken, einige Zwischenhaken; der Führer empfielt Klemmkeile – wir brauchten keine
Art der Kletterei
Wand mit Handriß, Verschneidung und Reibung
notwendige Ausrüstung
Helm, Sonnencreme, Regenschutz

Nachtrag

Inzwischen wird die Route mit der Gesamtschwierigkeit 5c gehandelt.

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last update: 11-Jan-2017 14:58:46
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