Vorwort

Vom 14. Oktober bis zum 16.Oktober tobte in der Sächsischen Schweiz, nahe dem Kurort Gohrisch die Übung "Jäger 96".
Da ich diese Machtdemonstration in einem naturschutzmässig hochsensiblen Gebiet ablehne und möchte, das diese Ereignisse nicht so schnell in Vergessenheit geraten, habe ich die Schilderungen von Schrubber in der de.rec.alpinismus hier archiviert. Ich habe mich daruf beschränkt einige redaktionelle Änderungen durchzuführen, da im Orginaltext teilweise auf Diskussionen eingegangen wurde.
Ich begrüsse ausdrücklich die Aktionen gegen die Übung.


Kriegsspiele in der Sächsischen Schweiz - Nein Danke!

Wie sich die Bundeswehr umweltgerecht verhält - Bericht eines Augenzeugen

Was selbst für die DDR-NVA tabu war, Rühes Krieger haben sich jetzt die Sächsische Schweiz, das "Tafelsilber der Vereingung" (Umweltminister Töpfer 1990) als Spielplatz auserkoren. Seit Montag "tobt" um den Papststein die Übung "Jäger 96" der Brigade "Freistaat Sachsen".

In unmittelbarer Nähe des Kurortes Gohrisch terrorisiert Hubschrauberlärm Anwohner, Touristen und die Natur. Transallmaschinen dröhnen im Tiefflug über geschützte Natur (Augezeugen sprechen von 50m über Grund) und der Sächsische Umweltminister Vaatz (CDU) hat keine grundsätzlichen Bedenken gegen diese Manöver. Hier wird ganz bewußt die Forderung nach einer Flugbegrenzungszone über der Sächsischen Schweiz torpediert. Hatte noch 1991 die Sächsische Staatsregierung dieses beim Bundesverkehrsministerium beantragt - was aber damals abgelehnt worden war - so legalisiert diese Regierung jetzt sogar, daß die Bundeswehr nicht einmal der Tatsache Rechnung trägt, daß die Sächsische Schweiz in die Liste der Vogelschutzgebiete aufgenommen wurde. Damit sollte dort eine Mindestflughöhe von 600 m über Grund eingehalten werden. Stattdessen schwebte heute ein Hubschrauber nur 5 Meter über dem Gipfel der Grossen Hunskirche. Die Bundeswehr versucht zu beschwichtigen und zu verharmlosen. Dazu ist sie sogar mit einem Infobus und einem eigenen "Umweltexperten" angerückt, welcher mehrfach beteuerte, daß alle Umweltvorschriften eingehalten werden. Bei den Politiker in Sachsen zumindestens hat das ja geklappt. So hat am 10. Oktober der sächsische Landtag mit CDU-Mehrheit diese Übung zwar nicht gebilligt aber gegen eine Abwendung gestimmt. Proteste von Anliegergemeinden, Umweltschützern, Tourismus- und Bergsteigerverbänden wurden ignoriert.

Um mir nun selbst ein Bild davon zu machen, bin ich heute gleich nach der Arbeit zum Papststein geradelt. Der Hubschrauberlärm war schon ab Königstein zu hören, im Ort Gohrisch war er dann schon unerträglich. Am Parkplatz Papststein dann das erste Transparent gegen diese Übung. An der Hunskirche konnte man schon von weitem ebensolche Losungen ausmachen.
Auf dem Weg zur Hunskirche wurde ich schon stutzig, der befestigte Weg durch den erosionsgefährdeten Hang war reichlich von Mulis zertrampelt, das Holzgeländer umgebrochen. Am Fuß der Hunskirche standen dann so ca. 25 Gebirgsjäger und hielten alle Umweltvorschriften ein, d.h. sie rauchten fleissig im Wald. Der Gipfel war von einigen Bergsteigern besetzt worden, ich kletterte zu ihnen hoch. Sie hatten sich zwar der Gefahr durch den Hubschrauber heruntergeweht zu werden aussgesetzt, konnten aber dennoch nicht verhindern, daß der Hubschrauber Soldaten dort absetzte. Die seilten dann - nachdem sie die "Besetzer" ordentlich vollgepöbelt hatten - von dort ab aber nicht auf der übliche Abseiltrasse sondern - weil wesentlich fotogener - an der Talseite welche im unteren Bereich recht brüchig ist. Deshalb sollten auch ursprünglich nur 6 (oder gar nur 4) Gebirgsjäger bei der eigentlichen Felsübung eingesetzt werden, tatsächlich waren aber heute so zwischen 20 und 25 von ihnen auf dem Gipfel.
Unten wurde inzwischen mitten in der Schonung "Bewegen im schwierigen Gelände" geübt, auch Mulis trampelten durch die sehr empfindlichen Sandhänge. Für eine zünftige Geräuschkulisse sorgten weiterhin die Hubschrauber, welche Fallschirmjäger und Wiesel-Leichtpanzer absetzten und sich auch mal einen Ausflug zum nahegelegenen Pfaffenstein genehmigten, an welchem in diesem Frühjahr erst zwei Klettergipfel gesperrt wurden, um eine Ruhezohne für Falken zu schaffen.

Nachdem ich nun all diesen Frevel gesehen und noch den in der Gipfelbuchkassette deponierten, sehr moderaten offenen Brief des Gebirgsvereins für die Sächsische Schweiz "Heimatfreunde Gohrisch" an die Soldaten gelesen hatte, fragte ich einen der beteiligten Soldaten, wozu das Ganze hier den gut sei. "Ja heute ist doch nur Generalprobe", erhielt ich zur Antwort: "morgen geht's doch erst richtig los, da sind dann Gäste (Politiker...) eingeladen, die das bewundern sollen..."


Warum die Übung nicht ganz so lief ...

Man hat der Bundeswehr heute eine so deutliche Lektion erteilt, daß sie sich in absehbarer Zeit wohl nicht mehr hier blicken läßt. Das Geschehen im einzelnen:
  1. die für irgendeine Übung gestern ausgehobenen Gräben sind über Nacht von den Gohrischer Bürgern fein säuberlich wieder zugeschüttet worden
    diese Übung mußte also ausfallen!
  2. Die Wiese, auf der die Fallschirmjäger landen sollten, war bevölkert mit etlichen Leuten die - oft mit ihren Kindern - dort Drachen steigen liessen
    diese Übung mußte also ausfallen!
  3. Die Wiese in Kleinhennersdorf, die als Landeplatz für die Wiesel-Panzer vorgesehen war, war mit Transparenten vollgestellt, außerdem hielten sich dort "zufällig" viele Wanderer auf
    diese Übung mußte also ausfallen!
  4. Der Gipfel der Hunskirche, auf dem die Hubschrauberübung geplant war, war mit so vielen Kletterern besetzt, daß auch das aufgegeben werden mußte (Schon aus Platzmangel).
    Stattdessen wurden die Soldaten auf der Kleinen Hunskirche abgesetzt, welche von den Polizisten, die sich das Heer zu seinem Schutz mitgebracht hatte umstellt war. So konnten nur 6 Kletterer den Gipfel erreichen. Da der Verzicht auf jegliche Gewalt breiter Konsens bei allen Protestierenden war, konnte mit 6 Mann diese Übung zwar nicht verhindert werden, aber durch die Verlegung an die Kleine Hunskirche war sie natuerlich völlig ohne Sinn, da vom Standplatz der ganzen Promi-Zuschauer nicht zu sehen.
  5. Die Erläuterungen für die Promis gingen in Pfeifkonzerten und einer Megaphon-Gegenansprache unter
  6. Die Sitzblockade der Zufahrtsstrasse wurde durch die Polizei aufgelöst, zwei (völlig friedliche) Männer wurden verhaftet.
  7. Aus lauter Frust ballerte die glorreiche Truppe mächtig in der Luft rum, auch von den 7 Hubschraubern wurden einige Übungsraketen (oder halt irgendwelche Attrappen) abgeschossen aber sonst passierte halt nicht viel.
Insgesamt war die Präsenz so vieler Gegner aus allen Altersklassen ein deutliches Zeichen für den Unmut der ansässigen Bevölkerung.


PS. Der einzige, der hier keine Zivilcourage gezeigt hat, war unser aller Freund Horst Mempel, der Redakteur von Biwak: direkt drum gebeten, in seiner nächsten Sendung das Thema zu behandeln antwortete er, daß ihm das zu heiß sei...

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last update: 11-Jan-2017 14:58:47
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