"Weg der Freundschaft"

From - Thu Feb 06 16:42:27 1997
From: Rainer Bürkle
Newsgroups: de.rec.alpinismus
Subject: Re: Absturz
Date: Tue, 04 Feb 1997 13:36:44 +0100
begangen am 16.06.1996

Schon seit Tagen war das Wetter gut. Es war warm, sonnig und nicht allzu schwül. Wir konnten also davon ausgehen, nicht von einem Gewitter überrascht zu werden. Auch als wir am Samstagabend im Biergarten saßen und die Route für den nächsten Tag besprachen, war es angenehm warm gewesen. In unserer Blödellaune, die wir nach einer Maß Radler hatten, überlegten wir, ob wir nicht ein Handy auf unsere Klettertour mitnehmen sollten; beschlossen aber, daß wir das sowieso nicht bräuchten.

Als ich auf den Parkplatz fuhr, war Luis schon da, obwohl es erst 7:25 war. Ich war überrascht, wie pünktlich er war. Wir hatten uns an diesem Sonntagmorgen um 8 Uhr verabredet - für die zweite alpine Tour in dieser Saison.

Die Autobahn nach Garmisch war leer. Wie immer, wenn wir mit Luis' Auto fuhren, war der Tank natürlich auch fast leer, so daß wir unsere Fahrt an der nächsten Tankstelle unterbrechen mußten. Als wir weiterfuhren, sahen wir Heißluftballone am Himmel, und Alpspitze und Zugspitze grüßten uns mit einer kleinen Wolkenmütze. Es schien ein wunderschöner Tag zu werden. Ideal zum Klettern.

Vom Wetter her hatten wir also nichts zu befürchten auf dem "Weg der Freundschaft", der Route, die wir uns für heute vorgenommen hatten. Laut Kletterführer sollten es 5 Seillängen sein, in überwiegend festem Gestein, mit Stand- und Zwischenhaken der Erstbegeher abgesichert (das Datum der Erstbegehung war, wie wir einige Tage später erfuhren 1968 und die Route war seitdem selten wiederholt worden). Die Schlüsselstelle mit einer Schwierigkeit von VI+ entsprach dem, was jeder von uns sich zutraute, der Rest wäre einfache Genußkletterei im Schwierigkeitsgrad IV bis V.

Kühler, als wir es uns vorgestellt hatten, war es am Parkplatz der Osterfeldbahn, wo wir unser Material sortierten: Klemmkeile, Friends, Expreßschlingen, usw.. Den Felshammer und die Haken, die ich mir neu gekauft hatte, nahm ich natürlich auch mit, obwohl Luis meinte, daß das überflüssiges Gewicht wäre und daß wir die Haken sicherlich nicht bräuchten. Er ist eben ein typischer Sportkletterer, dem jedes Gramm zuviel am Gurt, als unerträglicher und behindernder Ballast vorkommt.

Wir gingen davon aus, daß es sehr warm werden würde - die Route befindet sich an der Südwestseite des Höllentorkopfes - und Luis, der wie immer keinen Rucksack mitnehmen wollte, steckte nur eine dünne lange Hose in meinen Rucksack. Mit insgesamt 2,5 Liter Getränken, diversen Schokoriegeln, Brotzeitdose, der Bergapotheke, meiner Goretex-Jacke und meiner Regenüberhose hatte der Rucksack ein gutes Gewicht, und wir beschlossen, daß jeweils der Nachsteiger, den Rucksack tragen sollte. Ohne die letzten drei Dinge hatte ich noch nie eine Bergtour gemacht, egal wie immer das Wetter auch aussah, und ich wollte auch diesmal, obwohl das Wetter stabil aussah, nicht darauf verzichten.

Kalt schlug uns der Wind entgegen, als wir an der Bergstation ins Freie traten. Nur noch 30 Minuten bis zum Einstieg. Wir waren beide richtig heiß aufs Klettern. Wollten nach der langen Zeit in Hallen und Klettergärten endlich mal wieder echten Fels unter den Fingern und Schuhen spüren. Vor einigen Wochen waren wir zwar schon einmal an der Kampenwand gewesen, doch seitdem hatte das Wetter weiteren Felswochenenden einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Der Weg führte steil über Geröll und Schroffen bis unter die Wand - wie gut, daß wir unsere Bergstiefel angezogen hatten. In Turnschuhen oder gar in Kletterschuhen, wäre der Weg zum Einstieg schon ein lebensgefährliches Abenteuer gewesen. Auf dem Weg zur Wand trafen wir eine andere Seilschaft, die wie wir mit einem Führer in der Hand nach dem "Weg der Freundschaft" suchten. Luis und ich überlegten, ob wir nicht eine andere Tour gehen sollten, doch als die Anderen uns den "Weg der Freundschaft" überließen, weil sie sich nicht ganz sicher waren, wo der Einstieg sein sollte, stiegen wir über IIer bis IIIer Gelände ohne Seil bis zu einem kleinen Absatz, von wo aus wir in die Wand einsteigen wollten.

Ich führte die erste Seillänge, hatte aber, nachdem ich eine kleinere Kante überwunden hatte und mich in einem Geröllfeld wiederfand, keine Ahnung, wo die Route weitergehen sollte. Ich verglich die Skizze aus dem Buch, die ich mir eingeprägt hatte, mit dem Gelände, das ich sah und fand schließlich die Verschneidung, die den Beginn der zweiten Seillänge markieren sollte. In dem Geröll fand ich zwei alte verwitterte Bandschlingen, die ich als Bestätigung meiner Annahme, daß dies der richtige Weg sei, betrachtete. Auf der Suche nach einem geeigneten Standplatz trat ich mehrere Hundert Kilo Geröll los, die in Luis Richtung ins Tal prasselten. Der erste Standplatz bestand schließlich aus einer um eine Felsschuppe gelegten Bandschlinge, die zusammen mit einem mehr oder weniger fest sitzenden Friend zu einem Kräftedreieck verbunden war. Zur Sicherheit war das Ganze nach unten hin mit einem 2er Klemmkeil abgespannt. Wohl wissend, daß dieser Standplatz keine harten Fangstöße halten würde, sicherte ich Luis mit dem HMS an meinem Gurt und vertraute mich selbst dem Standplatz an.

Als Luis, der noch den Seilsack und seine Bergstiefel im Rucksack verstauen mußte, zu mir hochkam, stellten wir fest, daß wir für diese erste Seillänge bereits über eine Stunde gebraucht hatten - und das in relativ einfachem IIIer Gelände; wie würde es dann erst an der Schlüsselstelle werden?

Luis übernahm das Sicherungsmaterial und stieg die Verschneidung hoch. Immer noch auf der Suche nach dem richtigen Routenverlauf machte er unterhalb eines großen Überhangs Halt und baute einen recht wackeligen Standplatz aus einer Bandschlinge und einem Friend.

Bis zu dieser zweiten Seillänge hatten wir noch keinen der im Führer erwähnten Stand- und Zwischenhaken entdeckt. Wir schauten uns das Gelände an, verglichen wieder und wieder mit der Skizze in unserem Buch und kamen zu dem Schluß, daß die einzige vernünftige Möglichkeit für die Route weiter links unterhalb des Überhangs führen müßte. Luis wollte nur mal schauen, wie es hinter dem nächsten Absatz aussieht und fand schließlich, nachdem er fast 30 m ohne Zwischensicherung hochgestiegen war, den ersten Haken dieser Tour. Daß wir damit unsere geplante Route, den "Weg der Freundschaft", verlassen hatten und uns auf der "Westkante" befanden, stellten wir erst Wochen später fest, nachdem wir das in einem anderen Kletterführer abgebildete Wandphoto genau angeschaut hatten.

Doch wir waren froh über den Haken und gingen davon aus, in der richtigen Route zu sein. Was wäre wohl passiert, wenn Luis bei seinem "Herumschauen" auf einen der vielen lockeren Steine getreten wäre? Jetzt, wo ich dies schreibe, glaube ich, daß ich einen Sturz von ihm an diesem Standplatz nicht hätte halten können, zumal die Konstruktion nicht nach unten abgesichert war. Doch darüber machte ich mir damals keine Gedanken. Ich kenne Luis lange genug, um seine Risikobereitschaft, sein klettertechnisches Können und sein Sicherheitsbewußtsein einschätzen zu können. Ich glaube, daß er sich angesichts des sehr brüchigen Gesteins der Gefahr eines Sturzes durchaus bewußt war und ich sah an seinen sehr vorsichtigen Bewegungen, daß er auf keinen Fall einen Sturz riskieren wollte.

Luis war sich nicht sicher, ob der Haken, den er gefunden hatte, stabil genug für einen Standplatz war und wählte als zweiten Fixpunkt einen Friend in einem wie dafür vorgesehenen Loch. Angesichts der nun folgenden Schlüsselseillänge, ein überhängender Riß mit einer Schwierigkeit von VI+, wollte er sich offensichtlich auf einen stabilen Standplatz verlassen können.

Dieser befand sich an ausgesetzter Position oberhalb eines ca. 30 Meter hohen Steilabsturzes. Als ich Luis beobachtete, wie er sich vorsichtig durch die mit 5 wackeligen, rostigen Haken gesicherte Schlüsselstelle kämpfte, wurde mir der Abgrund unter mir deutlich bewußt. Jedesmal wenn er an einem der Haken kurz rastete und ich das Seil straff in die Sicherung nahm, sah ich, daß der von ihm gelegte Friend lediglich mit 3 seiner 4 Segmente satt am Felsen auflag. Mir wurde klar, daß auch dieser Standplatz einen Sturz von Luis höchstwahrscheinlich nicht halten würde.

Und als ich sah, wie schwierig die Stelle war, die ich gleich mit dem schweren Rucksack nachsteigen sollte, machte ich mir Gedanken darüber, ob es nicht besser wäre den Rückzug anzutreten. Doch keinem unserer bisherigen Standplätze hätte ich soviel Vertrauen geschenkt, um mich daran abzuseilen. Also weiter nach oben - die Flucht nach vorne antreten. Luis erzählte mir Tage später, daß er in dieser Situation wohl auch mit dem Gedanken an Rückzug gespielt hatte, sich aber nicht vorstellen konnte, daß ich darauf eingegangen wäre und deshalb weiter gegangen war. Offensichtlich kennen wir uns doch noch nicht gut genug, um genau zu wissen, wie der andere in Extremsituationen denkt, fühlt und handelt.

Ich hatte volles Vertrauen in Luis, daß er diese schwierige Stelle meistern würde, daß wir beide gemeinsam den Gipfel erreichen würden. Als ich mich dann durch die Schlüsselstelle kämpfte, eigentlich mehr an den Expreßschlingen hangelnd als sauber am Fels kletternd, sah ich, wie wackelig und rostig jeder einzelne Haken war, und daß wahrscheinlich bei einem Sturz von Luis die ganze Kette wie ein Reißverschluß aufgegangen wäre.

Keuchend erreichte ich den nächsten Standplatz, der mir recht sicher erschien. "Warum mache ich das eigentlich hier" war meine erste Frage als ich wieder halbwegs zu Atem gekommen war. Aber ich kannte die Antwort ja und sie trat mir auch sofort gegenüber, in diesem befriedigenden Gefühl, eine große Schwierigkeit gemeistert zu haben. Gemeinsam mit einem Partner ein Hindernis überwunden zu haben im gegenseitigem absoluten und unbedingten Vertrauen auf die Fähigkeiten und Entscheidungen des Anderen. Der "Weg der Freundschaft" hatte uns nach dieser Schlüsselstelle wieder etwas mehr zusammen gebracht. Unser Team war weiter zusammengewachsen.

Jetzt - es war vielleicht 13:00 oder 13:30 Uhr - würden wir den Rest auch noch schaffen. Wir wußten, wir waren in der richtigen Route und die Schlüsselstelle lag hinter uns. Das einzige was uns jetzt noch bedrängte, war ein immer kälter werdender Wind und langsam sich verdichtende Wolken über der Alpspitze. Wir hatten bisher weder etwas gegessen, noch etwas getrunken. Die Sonne schien bei weitem nicht so stark, wie wir es uns vorgestellt hatten. Wir nahmen uns vor, die restlichen 3 bis 4 Seillängen zügig durchzusteigen und freuten uns schon auf einen heißen Milchkaffee in der Bergstation.

Ich führte die nächste Seillänge. Die Route folgte hier in logischer Linie der Südwestkante hoch zum Gipfel des Höllentorkopfes. Es war eine schöne Genußkletterei, ausgesetzt über den Grat in IV+ bis V- Gelände. Ich stieg zügig hoch, da mir und Luis, der lediglich eine kurze Hose anhatte, mittlerweile kalt geworden war. Der Wind war stärker geworden und auch die Sonne kam nur noch selten durch die Wolken über der Alpspitze hindurch.

Ich fand genügend - wenn auch nicht besonders gute - Haken für Zwischensicherungen und als nach 40 Metern die Seilreibung zu stark wurde, baute ich in einer ausgesetzten Scharte einen Standplatz, der lediglich aus einer Reihenschaltung von zwei ca. 2,5 Meter entfernt liegenden Haken bestand. Luis kam schnell nach, übernahm das Sicherungsmaterial und folgte dem Grat weiter nach oben. Nach ca. 30 Metern rief er "Stand" und ich folgte ihm, froh endlich aus dem kalten Wind zu kommen, der mich mittlerweile ausgekühlt hatte.

Bald war ich bei Luis am nächsten Standplatz - zwei solide aussehende Felshaken zu einem Kräftedreieck verbunden -, der einen recht vertrauenerweckenden Eindruck machte. Mir war kalt und ich wollte schnell auf den Gipfel, sah ihn schon zum Greifen nah. Nur noch diese einen Seillänge, dann würde ich mir etwas Warmes anziehen können, dann würden wir etwas essen und trinken und unseren "Weg der Freundschaft" feiern können.

Luis hatte bereits 4 Seillängen geführt, ich erst 2, und ich wollte die nun folgende Seillänge, die Gipfelseillänge unbedingt führen. Ich hatte die letzte Seillänge im Nachstieg trotz Rucksack gut und ohne Probleme bewältigt und fühlte mich sicher und stark genug, den Rest bis zum Gipfel auch mit Rucksack führen zu können. Ich sagte Luis, daß ich den Rucksack behalten würde, damit ich am Gipfel meine Goretex-Jacke anziehen könne und stieg weiter.

Es folgte ein kleiner Absatz, der mit einem Haken abgesichert war. Als ich oberhalb des Hakens weiter steigen wollte, sah ich zunächst keine weiteren Haken. Ich spürte das ziehende Gewicht des Rucksacks. Der Grat war hier noch einmal recht steil und ausgesetzt und ich wollte kein Risiko mehr eingehen - so kurz vor dem Gipfel. Ich dachte für einen Moment daran, zu Luis abzuklettern, um ihm den Rucksack zu überlassen, doch da bemerkte ich rechts ein kleines Felsband, das um die steile Kante herumführte. Ich wollte mittels eines Seilzugquergangs auf dieses Felsband und das darauf folgende leichte Gelände gelangen.

Ich schaute noch einmal kurz hinter mir nach unten und sah die ungefähr 80 Grad steil abfallende Flanke des Südwestgrats, die nach 40 Metern in einen senkrechten Abfall überging. Mir fiel auch der scharfe Rand einer großen, leicht von der Wand abstehenden Felsschuppe auf und ich dachte: "Wenn Du da drauf stürzt, das wäre nicht gut". Also arbeitete ich mich langsam und vorsichtig auf das Felsband vor. 15 Meter links unterhalb von mir stand Luis, das Seil straff haltend. Ich griff mit der rechten Hand nach einer Felsschuppe, zog meinen rechten Fuß nach und - stürzte ab.

Unter mir war nichts mehr. Im allerersten Moment war es wie jeder andere Sturz im Klettergarten oder in der Halle. Bei all diesen Stürzen war immer die Gewißheit da, nach maximal 1 Sekunde im Seil zu hängen. Doch diesmal war es dramatisch anders.

Ich spürte, wie ich aufschlug, spürte, wie ich mich mehrfach überschlug, wie ich immer schneller wurde. Wie ich mit dem Rucksack auf meinem Rücken gegen Felsen schlug, wie mein Helm hart an der Wand entlang scheuerte. Ich schaute nach oben und sah, wie etwas aus der Wand gerissen wurde. Aus irgendeinem Grund war es für mich sofort klar, daß das Seil gerissen war und ich dachte: "Jetzt ist es vorbei. Nur noch 40 Meter bis zur Kante, dann ca. 200 Meter freier Fall und noch ein letzter Aufschlag. So ist das also, wenn man abstürzt. Das war's dann wohl. Ich will doch noch nicht sterben, aber ich kann offensichtlich nichts mehr dagegen tun; bin diesen brutalen Kräften, die mich tiefer reißen und immer wieder gegen den Fels schlagen, hilflos ausgeliefert." Ich dachte an Moni, der ich morgens noch in ihre besorgten Augen versprochen hatte, daß ich aufpassen würde, daß uns nichts passieren würde. In diesem Moment dachte ich überhaupt nicht an Luis, ich ging ja davon aus, daß das Seil gerissen war, daß er also außer Gefahr war. Ich hatte auf eine seltsam ruhige und gelassene Art und Weise mit meinem Leben abgeschlossen. Ich war bereit für den Schritt auf die andere Seite - ohne Angst.

Mit einem Ruck blieb ich nach 25 - 30 Metern mit dem Rücken zur Wand im Zwillingsseil hängen; ein Strang links hinter meinem Helm, der andere Strang irgendwo rechts im Gurt des Rucksack verheddert. Als hätte mich das Seil aus diesem abwärts führenden Tunnel herausgerissen, war ich plötzlich wieder in dieser Welt, aus der ich mich eben erst verabschiedet hatte. Ich war noch am Leben. Aber ich war abgestürzt und mir tat alles weh. Ich stand unter Schock. Ich schrie vor Schmerz und vor Wut. "Luis, mich hat's erwischt! Ich blute!" Ich war benommen und verwirrt von dem Sturz und schrie ungefähr 5 Minuten lang mehr oder weniger konfuses Zeug. Bis ich mich allmählich beruhigte und mich zwang, mich zusammenzureißen und die Situation zu analysieren.

Wo waren die Schmerzen am schlimmsten? Irgendwo rechts im Fuß. Ich schaute herunter zu meinem rechten Fuß und sah nur ein unförmig dick verformtes Gebilde, das von einem Kletterschuh zusammengehalten wurde. Oben aus dem Schuh quoll langsam Blut. Ich drehte mich zur fast senkrechten Wand und versuchte, mit dem rechten Fuß aufzutreten. Irgend etwas in der Ferse knirschte fürchterlich wie eine Mischung aus Kiesel, Schotter und Sand und der Fuß fühlte sich an wie Brei.

Rainer hatte mir zugerufen, ihn durch Seilzug zu unterstützen. Ich sah ihn vorsichtig nach rechts auf das Felsband queren. Dann ging alles viel zu schnell. Ein kurzer Schrei und er fiel wie ein Stein die ca. 10 Meter hohe Steilwand herunter. Ich konnte es nicht glauben, was ich sah, wollte es einfach nicht wahrhaben. Ich betete, daß die Haken am Standplatz fest genug wären, um den Sturz zu halten. Ich wußte, daß der Fangstoß brutal hart werden würde und hatte Angst, daß er mich aus dem Stand reißen könnte. Rainer war mittlerweile auf die nicht ganz senkrechte Flanke aufgeschlagen und ich sah, wie er sich mehrfach überschlug, wie er wie ein Gummiball immer wieder gegen Fels schleuderte und dabei schneller wurde. Ich konnte es immer noch nicht begreifen, daß er abgestürzt war, daß er an mir vorbei in Richtung Abgrund weiterpurzelte. Da bleibt nicht viel übrig - dachte ich mir. Dann verschwand er hinter der nächsten Kante in die nun folgende senkrechte Wand und ich bereitete mich darauf vor, den Fangstoß zu halten. Er riß mich fast um. Die Seile rutschten ein Stück durch den Abseilachter und das Restseil wickelte sich um meine Arme.

Wow, die Haken hatten gehalten. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Aber was war mit Rainer? Ich war völlig fertig. Ich hielt ihn für tot. Um so überraschter und glücklicher war ich, als ich ihn hörte: "Luis, mein Fuß ist kaputt!" Ich war völlig überrascht, wie klar er sich anhörte.

Ich konnte Luis nirgends sehen, hing hilflos in meinem Gurt an einer fast senkrechten Wand. "Luis! Mein rechter Fuß ist gebrochen! Er blutet! Ich kann nicht mehr gehen! Es tut so weh!" - "Bleib ruhig!" kam seine Antwort von oben herab.

Hoch würde ich nicht mehr kommen, mit diesem Fuß - zumal Luis, wie ich wußte, erstens keinen Flaschenzug bauen konnte und zweitens nicht einmal das Material dafür dabei hatte. Hier, wo ich jetzt hing, in fast senkrechtem Fels, hatte ich Angst noch einmal abzustürzen, hier konnte ich mich nicht lange halten. Hier konnte ich nur im Gurt hängen und einen Blutstau in den Beinen riskieren. Wie lange könnte Luis mich hier halten? Er kann ja nicht einmal den Schleifknoten, mit dem er das zu mir führende Seil fixieren könnte, um eventuell Hilfe zu holen. Er hielt mich wahrscheinlich nur im Abseilachter. Das würde er nicht lange durchhalten.

Mein Verstand begann völlig klar zu arbeiten. Könnten wir uns vielleicht abseilen? Aber an welchen Haken? Der Fels war brüchig. Alle Haken, die wir für Standplätze verwendet hatten, erschienen mir jetzt nach dem Sturz noch viel unsicherer als vorher. Ich war eben gerade noch einmal davongekommen. Ich hatte schon abgeschlossen und war doch noch am Leben. Jetzt war die Angst vor einem weiteren Sturz das Mächtigste in meinem Kopf.

Ich komme hier raus, aber wie? Mit dem Hubschrauber - klar. Aber ich wußte, daß er mich aus dieser Lage und aus dieser Position in der Wand nur schwer hätte bergen können. Daß ich damit recht hatte, bestätigte ein Bergrettungsmitglied später Luis gegenüber. Ich sah ca. 15 Meter unterhalb von mir ein ungefähr 30 Zentimeter breites Felssims, daß mir als Basis für eine Bergung geeignet erschien. Ich rief Luis zu, daß er mich langsam ablassen sollte.

Das Ablassen dauerte endlos. Jedesmal, wenn Luis stockte, kam die Angst wieder. Ich bettelte um jeden Meter. "Luis, bitte! Nur noch 5 Meter. Bitte laß mich doch weiter runter!"

Ich war wahrscheinlich weitaus mehr geschockt als Rainer. Er schien völlig klar im Kopf zu sein und genau zu wissen, was zu tun war. Ohne ihn wäre ich in dieser Situation völlig aufgeschmissen gewesen. Ich hätte nicht gewußt, was ich tun sollte. Wahrscheinlich war der Bergrettungskurs, den er im Frühjahr mitgemacht hatte, doch recht sinnvoll gewesen. Wir hatte damals noch Witze darüber gemacht, daß wenn einer von uns stürzen sollte, dies meine Angelegenheit wäre, damit er mich retten kann. Nun war es genau anders herum. Ich war hilflos und er hatte die Situation voll im Griff - faszinierend. Ich konnte ihn nicht sehen und ich wußte nicht, wie schwer er verletzt war und zu allem Überfluß hatte sich das Seil hoffnungslos in meinen Karabinern verwickelt und schnürte meine Arme ab. Das Ablassen war mühsam, immer wieder krangelte das Seil.

Endlich auf dem Felssims angekommen, versuchte ich, mich mit einem Haken zu sichern. Mindestens vier Mal sprengte ich dabei große Felsschuppen ab, die ich tief unter mir die Wand herunterprasseln sah. Endlich zog der Haken in einen Spalt. Obwohl sich das Gestein rundherum etwas bewegte und auch der Klang des eingeschlagenen Hakens eher dumpf und hohl als singend hell klang, erschien mir dies als Absicherung ausreichend. Ich klinkte mich mit einer Bandschlinge in diesen Haken ein und fühlte mich zunächst einmal sicher. Außerdem war da immer noch das Zwillingsseil, das vom Berg herunter hing und an dessen anderen Ende Luis war.

Luis - wie ging es ihm? Er muß mich stürzen gesehen haben. Er hat meinen Sturz gehalten, hat mich vor dem Abgrund, vor dem mir schon als sicher erscheinenden Tod gerettet. Mein Gott, ihm muß kalt sein. Und ich habe seine Sachen hier bei mir im Rucksack.

Von oben kommt sein Ruf: "Hallo Rainer! Ich geh Hilfe holen!" "Laß mich nicht allein!" Ich will nicht alleine bleiben. Ich hole die Trillerpfeife aus meiner Bergapotheke und gebe das alpine Notsignal. Luis ruft Touristen zu, die auf der Rinderscharte talabwärts gehen. Niemand scheint zu realisieren, daß das Ganze kein Spaß ist. Sie winken zurück und gehen weiter. Luis beschimpft sie wütend in einer Mischung aus Deutsch und Spanisch. Mir wird allmählich klar, daß Luis Hilfe holen muß. Er ruft mir noch zu, daß ich etwas essen soll und läßt mich dann alleine auf meinem Felssims zurück.

Ich zittere - vor Kälte, vor Schmerzen. Vor Angst? Schock? Wann wird Luis zurück sein? Hält das Wetter? Was könnten wir tun, wenn Luis hier bei mir wäre? Notfalls eine Nacht biwakieren. Mit dem zerschmetterten blutenden Fuß? - Nein, es war schon okay, daß er mich zurück gelassen hat. Ich halte schon durch. Fühle mich trotz allem stark. Ich versuche zu überlegen, was zu tun ist. Essen werde ich nichts; wenn ich nachher im Krankenhaus bin, werden sie mir alles, was ich jetzt esse wieder aus dem Magen pumpen. Ich trinke einen Schluck, schlucke zwei Schmerztabletten, rauche ein paar Zigaretten und lagere meinen Fuß hoch.

Noch völlig wütend über die Leute unten auf dem Weg knote ich mich aus dem Seil und suche vom Standplatz aus einen Weg nach oben. Ich versuche eine Möglichkeit unterhalb der Stelle, an der Rainer abgestürzt ist. Zunächst klappt es recht gut, obwohl ich innerlich total aufgewühlt bin, von dem eben Erlebten. Ich darf nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn ich hier stürze - ohne Seil, ich muß mich aufs Klettern konzentrieren. Und doch komme ich in eine Situation, in der ich plötzlich merke, daß ich keine Hand mehr für den nächsten Griff loslassen kann, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Meine Beine, meine Arme, mein ganzer Körper beginnt zu zittern. "Luis, reiß Dich zusammen, Du hast schon weitaus schwierigere Stellen geklettert", versuche ich mich zu beruhigen.

Endlich leichtes IIIer Gelände. Gerade noch einmal gut gegangen. Ich zittere immer noch. Und dann sehe ich eine andere Seilschaft aus einer Nachbarroute aussteigen. Ich rufe ihnen zu, daß wir Hilfe brauchen. Ich will mit ihnen gehen, aber sie sagen mir, ich solle da bleiben, wo ich bin und warten. Wie die Gemsen klettern sie die restlichen Meter zum Gipfel hoch.

Es wird kälter. Luis antwortet nicht auf meine Rufe. Ich ziehe meine Goretex-Jacke an, ziehe die Regenhose vorsichtig über, stülpe einen Packbeutel über meinen blutenden rechten Fuß, um ihn warm zu halten, wickele mein Halstuch um die Fleischwunde am linken Knöchel. Ich hänge alles Material von meinem Gurt ab und binde es zusammen - im Krankenhaus, werde ich es nicht mehr brauchen. Mir ist immer noch kalt. Der Fuß tut höllisch weh. Ich decke mich mit dem ausgebreiteten Seilsack zu und wickele mich zusätzlich in die Rettungsfolie, die ich immer im Rucksack habe.

War das ein Hubschrauber? Ich höre genauer hin. Nein. Fange ich schon an zu phantasieren? "Luis!?" Keine Antwort. "Luis! Wo bist Du?" Immer noch keine Antwort. Ich zwinge mich ruhig zu bleiben. Noch ist es hell und das Wetter bleibt sicher noch 2 - 3 Stunden stabil genug für den Hubschrauber. Ich sortiere den Rucksack neu, sichere ihn und das Material von meinem Gurt ebenfalls an dem Haken und versaue dabei alles mit dem Blut, das aus unzähligen Schürfwunden an meinen Händen und Armen herunter tropft.

Mein Gott, das war knapp. Ich hätte tot sein können - einfach weg. Ich hätte Luis mitreißen können. Ich habe mich und Luis in Gefahr gebracht. Später erfahre ich, daß er an dem letzten Standplatz eine Änderung vorgenommen hatte, die uns beiden wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Den Abseilachter, mit dem er mich sicherte, hatte er, als ich begann die letzte Seillänge vorzusteigen, aus dem Zentralpunkt des Kräftedreiecks herausgenommen und direkt in seinen Gurt eingehängt. Der tonnenschwere Fangstoß wurde also zunächst durch seinen Körper abgedämpft, bevor er den Standplatz traf.

Was habe ich nur falsch gemacht? Obwohl ich es oft genug gelesen hatte, und auch Moni oft genug erklärt hatte, daß man fremde, nicht selbst geschlagene, Haken am besten immer mit einem Schlag des Felshammer prüft, um am Klang festzustellen, wie fest der Haken noch sitzt, hatte ich auf dieser Tour, obwohl ich einen Hammer dabei hatte, überhaupt nicht mehr daran gedacht. Gut, es war das erste Mal, daß ich überhaupt einen Hammer beim Klettern dabei hatte, könnte ich zu meiner Entschuldigung einbringen. Aber andererseits zeigt es doch, wie unerfahren wir doch eigentlich im alpinen Klettergelände waren, wie groß der Unterschied zwischen dem Wissen aus Büchern und den durch Handeln erworbenen Erfahrungen ist.

Endlich wieder Luis' Stimme: "Rainer!? - Der Hubschrauber kommt gleich!" - "Luis, komm zu mir!" Wieder endloses Warten. Ich glaube, eine Stunde habe ich insgesamt auf dem schmalen Sims zugebracht. Alleine mit meinen Gedanken, mit den Schmerzen. Gehalten von einem nicht ganz sicheren Haken und der Hoffnung, auf baldige Rettung. Aufgewühlt durch das eben Erlebte. Tief beeindruckt von dieser unglaublichen Grenzerfahrung, die mich bis ganz knapp an den Rand der Existenz und zurück ins Leben geführt hat.

Endlich, da ist das typischen Hubschraubergeräusch. Diesmal bin ich mir sicher. Ich kann ihn sehen, wie er näher kommt und über mir kreist. Der starke durch die Rotorblätter verursachte Wind wirbelt kleine Steine auf. Ich höre Bewegungen oberhalb von mir. "Luis?" - Es ist ein Mann der Bergrettung. Er kommt zu mir. Er fragt mich, was passiert ist, ob ich laufen kann. Ich sage ihm, daß mein Fuß gebrochen ist und daß er blutet. Gemeinsam räumen wir alles, was vom Hubschrauber weg geweht werden könnte in den Rucksack: Rettungsdecke, Seilsack, Bergstiefel, etc. Er sichert sich ebenfalls an meinem Haken und bindet mich aus dem Seil, mit dem ich immer noch verbunden bin.

Aus dem Hubschrauber kommt an einer Winde ein zweiter Retter. Der Hubschrauber steht jetzt genau über mir. Ich lasse von dem ersten Retter meinen Gurt auf Beschädigungen überprüfen. Der zweite Retter ist jetzt bei uns, sichert sich ebenfalls an meinem Haken und hängt mich in das Stahlseil des Hubschraubers ein. Ich entferne meine letzte Selbstsicherung und schwebe frei in der Luft. Unter mir fast 400 Meter nichts als nackter Fels. Ein kurzer Gedanke daran, ob der Gurt auch wirklich hält, dann sehe ich Luis und zwei andere Kletterer auf dem Berg stehen. Ich winke ihnen zu. Ich drehe mich am Seil und nähere mich langsam den Landekufen des Hubschraubers.

Zum ersten Mal nach seinem Sturz kann ich Rainer wieder sehen. Er hängt über dem Höllental an der Winde. Ich weiß immer noch nicht, wie schwer er verletzt ist. Er winkt mir und der anderen Seilschaft ganz locker zu. Unglaublich.

Ich habe Angst, daß der Hubschrauber mit mir am Seil hängend davon fliegt, aber er steht ruhig auf der Stelle und wartet bis ich in der offenen Seitentür hänge. Ich ziehe mich rückwärts hinein. Lasse mich auf den Boden fallen. Eine Ärztin nimmt meine Sicherungsschlinge und klinkt mich irgendwo im Hubschrauber ein. Es ist laut. Niemand redet. Ich sehe die beiden Piloten vorne, den Mann an der Seilwinde. Alle in Uniform. Ich denke an die Vietnam-Filme, die ich gesehen habe. Es ist derselbe Hubschraubertyp, nur andere Uniformen. Die Ärztin legt mir beruhigend die Hand auf die Brust und den Hals und ich schließe die Augen - gerettet - bis mich der brennende Schmerz in meinem Fuß wieder zusammenzucken und stöhnen läßt.

In der Notaufnahme schließlich viele Fragen: Wieviel Meter bin ich abgestürzt? Was tut alles weh? Wo bin ich versichert? Blutige Kleidung wird ausgezogen bzw. von den Beinen geschnitten. Jemand legt eine Nadel in meinen Arm. Alles sehr ruhig, ohne Hektik. Plötzlich eine warme weiche Welle in meinem Hirn. "Was war das denn?" - "Morphium" - "Hm, das ist gut." Der rechte Kletterschuh wird vom Fuß geschnitten. Ein Schwall von Blut ergießt sich über die Bahre auf dem Boden.

Dann endloses Warten vorm Röntgen. Der brennende Schmerz wird wieder unerträglich. Nach fast 30 Minuten das besorgte Gesicht der Röntgenärztin: "Das sieht gar nicht gut aus." Wieder zurück in der Notaufnahme die Diagnose: Offener Fersenbeintrümmerbruch und gebrochenes Sprunggelenk. "Wir müssen sofort operieren. In einer halben Stunde. Haben Sie noch Schmerzen?" - "Ja." - "Wollen Sie noch Morphium?" - "Ja, Gerne!"

Vor der Operation darf ich noch telefonieren. "Hallo Moni. - Mir geht's nicht gut. - Ich bin abgestürzt". Minutenlang kann ich nur noch Schluchzen, bricht alles aus mir heraus; die Angst, der Schmerz - und die unbeschreibliche Freude, das fassungslose Staunen, die unbegreifliche Überraschung darüber, daß ich noch mit ihr reden kann, daß mein Leben noch nicht vorbei ist. Daß es weitergeht. Die starke Faust, die mich schon mit festem Griff am Nacken gepackt hatte, mich geschüttelt und zerschlagen hat, war - diesmal wenigstens - unseren Schutzengeln unterlegen.

In Wattewolken gehüllt komme ich in den OP-Saal, dann geht alles sehr schnell. Eine Maske mit Sauerstoff vor meinem Gesicht. Die freundliche blonde Narkoseärztin sagt noch zu mir: "Jetzt schlafen Sie." Und - dunkel.

Es ist schon spät, als ich im Krankenhaus ankomme. Gemeinsam mit der zweiten Seilschaft und den Jungs von der Bergwacht, habe wir noch das Seil und den Rucksack eingesammelt. Dann alles auf den Gipfel geschleppt, hin zur Bergwachthütte und von dort aus auf endlosen Wegen ins Tal gefahren. Ich bin völlig überrascht, Moni zu treffen - sie sicher auch. Rainer ist gerade im OP. Moni will ihn unbedingt noch sehen. Man läßt uns warten. Zwischenzeitlich kommt ein Arzt und erklärt uns genau die Verletzungen und wie sie wieder zusammengeflickt worden sind. Wir trösten uns gegenseitig und reden und reden. Spät in der Nacht erfahren wir, daß Rainer jetzt auf der Intensivstation liegt und wir nicht zu ihm dürfen. Also fahren wir beide nach München zurück.

Als ich wieder wach werde, ist meine erste Frage: "Wie spät ist es?" Um mich herum ist Dämmerlicht. Monitore, Schläuche an meinen Armen, Schläuche die unter der Bettdecke hervorkommen und irgendwo unter das Bett führen, ein Schlauch in meiner Nase. Mein rechter Fuß: ein diffuser Knödel von Schmerzen. "2 Uhr morgens" antwortet die Schwester. Um 6 Uhr wache ich wieder auf. Irgendwann gibt es Frühstück. Irgendwann wäscht mich die Schwester. Gegen Mittag werde ich aus der Intensivstation auf eine normale Station verlegt.

Der Fuß tut weh, ich liege im Bett, schaue aus dem Fenster. Die Tür geht auf und Moni kommt herein. Wir fallen uns in die Arme. Halten uns fest. Haben uns wieder. Nicht nur, daß ich Luis' Leben aufs Spiel gesetzt habe - von meinem einmal abgesehen - ich habe auch Moni jede Menge Sorgen und Unglück bereitet.

War es das wirklich wert? War es nötig, daß wir uns an solch einer Tour beweisen mußten? Warum mußte ich unbedingt mit dem schweren Rucksack vorsteigen? Warum haben wir die Vernunft nicht schon früher siegen lassen und die Tour abgebrochen? Wir waren beide davon überzeugt, diese Tour zu schaffen. Und wir haben beide viel gelernt in dieser Tour. Wir werden sicher wieder zusammen klettern gehen - da bin ich mir sicher. Aber solch einen "Weg der Freundschaft" werden wir nie wieder gehen, dazu ist mir die Freundschaft zu Luis zu wichtig, dazu ist mir mein Leben zu wertvoll, dazu ist mir die Liebe zu Moni viel zu bedeutend.

Als Luis am späten Nachmittag in der Tür des Krankenzimmers steht, noch gezeichnet von der letzten Nacht, die er zur Hälfte mit Moni in der Notaufnahme wartend verbracht hat, gezeichnet von dem gestrigen Tag, als er zu mir ans Bett kommt, nehme ich ihn - das erste Mal, seit ich ihn kenne - in die Arme. "Du bist der Held des Tages," denke ich, "ohne Dich wären wir beide tot". "Danke Luis" ist alles was ich sagen kann, dann kommen nur noch Tränen und für Minuten halten wir uns beide in den Armen. Wir waren beide dem Tod sehr nahe und sind ihm noch einmal entronnen. Wir haben jeder auf den anderen vertraut. Mensch Luis, fast hätte ich Dich mit in den Abgrund gerissen.

Wir haben den Gipfel zwar nicht erreicht, aber mit Sicherheit war dieser Tag und dieses gemeinsame Erlebnis ein ganz besonderer Abschnitt auf unserem "Weg der Freundschaft"

An der Grenze

Keinen Boden mehr unter den Füßen
tiefer, immer tiefer fallend
haltlos der Schwerkraft ausgeliefert
der Totenhansel schaut grinsend zu
der Fels trifft mich unbarmherzig hart
doch ohne Schmerz
Es ist still, außer einem Rauschen
neugieriges Warten auf den nächsten Aufprall
auf das Ende
nicht einmal Ärger, Wut oder Verzweiflung
nur grenzenloses Erstaunen und Abwarten
und auch - keine Angst
Wie aus einem rasenden Sog
reißt mich das Seil zurück in die Welt
reichlich zerschlagen zwar, doch immer noch lebend

Und der Totenhansel
zieht seelenruhig weiter zu einer anderen Wand
Schlechter Tag für uns beide heute

Seite 1 bis 13 © 1996 R. Bürkle
geschrieben am 19. u. 20.06.1996 im KKH Garmisch-Partenkirchen
Seite 14 © 1996 R. Bürkle
geschrieben am 22.06.1996 im KKH Garmisch-Partenkirchen

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